Transformierende Frauenkraft im Chocó

"Lasst uns über Gleichheit nachdenken, mit Intelligenz konstruieren und Innovationen für den Wandel schaffen", so lautet der Leitspruch unter dem heute den sozialen Kämpfen der Frauen auf aller Welt gedacht wird. Der 8.März ist Weltfrauentag!

Schülerinnen der Institución Educativa Emberá Atrato Medio 2019 (Foto: Gloria González Cardona)

Einer der wichtigsten Partner des Klimabündnis Vorarlberg im Bundesland Chocó in Kolumbien ist die indigene Schule Emberá Atrato Medio in der Gemeinde Vigía del Fuerte an den Ufern des Atrato-Flusses. Diese Schule wird seit über 20 Jahren von den Missionsschwestern der Mutter Laura geleitet, die sich voll und ganz der Schaffung eines Schulzuganges für junge Männer und Frauen des Emberá-Volkes verpflichtet haben damit diese ihre Oberstufen-Ausbildung abschließen können und in weiterer Folge Zugang zu Hochschulprogrammen haben. In Kolumbien ist der Zugang der indigenen Völker zur Bildung prekär. Nach Angaben der nationalen Statistikbehörde DANE haben 30% der kolumbianischen indigenen Bevölkerung keinerlei Bildungsniveau, weitere 32% können weder lesen noch schreiben. Nur 8% haben Zugang zu weiterführenden Schulen und lediglich 2,7% erreichen eine höhere Bildung. Im Chocó leben schätzungsweise 44.127 Menschen des indigenen Emberá-Volkes, von denen 21.811 Frauen sind. Nach Angaben der indigenen Vertretungsorganisation FEDEOREWA schließen nur 5 von 50 eingeschriebenen Mädchen ihre Grundschule ab, während von 5 Mädchen, die mit der Oberstufe beginnen immerhin 3 den Abschluss machen.

Arbeiten in der Holzwerkstatt (Foto: KBV)

Weil die Menschen des Emberá-Volkes aus kultureller Gründen schon in sehr jungem Alter Familien gründen (13-14 Jahre), beginnen Frauen bereits im Oberstufen-Schulalter die Rollen von Erwachsenen zu übernehmen und müssen sich um die Betreuung ihrer Kinder sowie die Erledigung von Hausarbeiten kümmern. Hinzu kommt ihre wirtschaftliche Abhängigkeit - Frauen arbeiten normalerweise nicht und verdienen kein regelmäßiges Einkommen - sowie die Tatsache, dass ihre Gemeinden in den ländlichen Gegenden sehr abgelegen liegen - der Besuch einer öffentlichen Bildungseinrichtung kann eine mehrtägige Boots-Anreise über Flüsse bedeuten. Schließlich ist auch der bewaffnete Konflikt noch ein begrenzender Faktor für den Zugang von Frauen zu Bildung.

Vor diesem Hintergrund setzen die Laura-Schwestern eine innovative pädagogische Strategie um, die es Emberá-Jugendlichen ermöglicht den Anschluss an das Schulsystem nicht zu verlieren. Jedes Jahr gliedert sich in sechs intensive Zyklen an denen die Schüler*innen 15 Tage lang durchgängig von morgens bis abends eine schulische Ausbildung erhalten. Danach kehren sie in ihre Gemeinden zurück und bewältigen dort ihren Alltag im Kreise der familiären Strukturen. Zwischen den Zyklen gehen die Lehrer*innen und die Schwestern stets auf eine Tour, um von Mal zu Mal jede der 32 Gemeinschaften zu besuchen und dabei das Lernen außerhalb der Klassenzimmer zu fördern. Dies stärkt auch die persönlichen Bindungen und das Vertrauen zwischen dem Lehrteam und den Emberá-Familien.

Besuch einer indigenen Gemeinde durch das Lehrpersonal (Foto: Gloria González Cardona)

Zur Unterstützung dieses Prozesses und mit dem Ziel, die Gleichberechtigung von Emberá-Frauen beim Zugang zu Bildung zu fördern, startete Klimabündnis Vorarlberg vor sechs Jahren ein Programm für weibliche Schulbesucherinnen. Für sie wird der gesamte finanzielle Beitrag, den sie während der sechs jährlichen Zyklen für Lebensmittel benötigen abgedeckt. Darüber hinaus werden der Schule Ressourcen für didaktisches Material und Ausrüstung zur Verfügung gestellt und spezialisierte Lehrkräfte, die unter anderem Fragen indigener Gesetzgebung, Ethik sowie Spiritualität vermitteln bezahlt. Die Unterstützung, die das Klimabündnis der Schule bot, war ein wichtiger Beitrag zur Stärkung der Schüler*innen und gleichzeitig der Schlüssel für eine dauerhafte Beteiligung der Frauen am Unterricht. Die Zahl junger Frauen die am Unterricht teilnehmen hat sich seither von 10 auf 40 erhöht. In früheren Jahren erlangten nur 2-3 Frauen pro Jahr einen Abschluss, während im Jahr 2018 bereits 8 Frauen die Oberstufe abschlossen. Darunter auch Elvia Mecha Pipicay, Mutter von zwei Kindern, die inzwischen auch schon ein Stipendium für ihr Psychologie-Studium beantragt hat. Nach erfolgreichem Abschluss möchte sie damit einen Beitrag für ihre Heimatgemeinde leisten. Elvia weiß, "dass ich das, was ich hier lerne, an die Gemeinschaft weitergeben kann, damit mein Traum erfüllt wird."

Elvia Mecha Pipicay mit ihrer älteren Tochter (Foto: Carolina Osorio Rogelis)

Auch heute hat sich die Situation der Gewalt in Kolumbien leider nicht geändert. Am 28. Februar verurteilten die Gemeinden mehrerer Emberá Gemeinschaften die Zusammenstöße zwischen der ELN-Guerilla (National Liberation Army) und den Gaitanista-Selbstverteidigungskräften (Paramilitärs), die in ihrem Hoheitsgebiet stattfinden. Diese Gemeinden leben nach wie vor die Strapazen des Krieges, die sie bereits im Jahr 2003 zwangen, umzuziehen. Nun wächst die Angst, dass sie erneut vertrieben werden. Insgesamt 24 Schüler*innen der indigenen Schule in Vigía del Fuerte stammen aus den betroffenen Gemeinden, dort wo sie vor gerade mal zwei Wochen noch durch ihre Lehrer besucht wurden. Die betroffenen indigenen Frauen aus den Dörfern sind jedoch fest entschlossen, durch Lernen eine bessere Lebensqualität für sich selbst, ihre Familien und ihre Gemeinschaften zu schaffen. Deshalb gedenken wir heute ihrer andauernden Kämpfe, ihrem Engagement und ihrer Energie, um das Leben zu erhalten, das sie auf ihren Schultern tragen. Diese Frauen sind ein Beispiel weiblicher Stärke, um Träume zu verwirklichen, sich angesichts von Schwierigkeiten zu behaupten und sich Schritt für Schritt einem sie ausschließenden System zu stellen, das sie einzig auf die Rolle ihres Geschlechts reduziert. Diesen Frauen und ihrer transformierenden Kraft des Herzes zollen wir heute Tribut!


Text von Carolina Osorio Rogelis, Projektassistentin

aus dem Spanischen übersetzt von Daniel Sperl, Koordinator der Partnerschaft Vorarlberg-Chocó

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