Aktuelles aus dem Chocó - eine Bestandsaufnahme der Vorarlberger Klimabündnis Partnerschaft in Kolumbien

Daniel Sperl hat Anfang dieses Jahres 4 Wochen lang sämtliche Partnerschaftsprojekte des Klimabündnis Vorarlberg im Chocó besucht und konnte sich dadurch ein eindrückliches Bild von den aktuellen Entwicklungen vor Ort machen! Grundsätzlich kann gesagt werden: Die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit in dieser "vergessenen" Region Kolumbiens sind unverändert schwierig, doch es gibt auch Anlass zur Hoffnung.

Treffen mit indigener Bevölkerung aus Bellavista in San José del Palmar (Foto: KBV)

Von 20. Februar bis 20. März 2015 hat Daniel Sperl, unser neuer Koordinator für die Klimabündnis-Partnerschaft im Chocó (Nordwest-Kolumbien) seinen Antritts-Besuch im Projektgebiet absolviert. Bereits auf der Fahrt zur ersten Partnergemeinde San José del Palmar wird  klar, dass von den aktuellen Friedensverhandlungen der kolumbianischen Regierung mit der Guerilla-Bewegung FARC in diesem Teil des Landes noch wenig zu spüren ist. Im Dienstwagen der hinter verdunkelten Scheiben versteckten Bürgermeisterin und unter Begleitschutz von 2 Polizisten werden Daniel Sperl und unser langjähriger Projektbetreuer Guillermo Pino in das abgelegene 5.000-Seelen Dorf chauffiert.

Dort angekommen wird gleich das örtliche Herbergshaus für die Bewohner der indigenen Gemeinschaft Bellavista besucht. Dank Vorarlberger Unterstützung kann hier erkrankten Menschen aus ihrer mehrere Stunden Fußmarsch entfernten Ansiedlung eine vorübergehende Unterkunft und somit Zugang zu medizinischer Versorgung gewährleistet werden. Auch für den Besuch einer Schul-Oberstufe, oder zur Abwicklung wichtiger Erledigungen ist die Herberge ein großer Schritt für die würdevolle Inklusion der indigenen Bevölkerung in eine modernere Gesellschaft.

Hoffnung auf neue Kakao-Pflanzen in San José del Palmar (Foto: KBV)

Weniger erfreulich ist hingegen, dass der geplante Besuch in Bellavista aus Sicherheitsgründen abgesagt werden musste. Der indigene Dorfvorsteher bestätigt, dass in den letzten Wochen 5 Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren von der Guerillabewegung angeheuert wurden. Solange es nicht gelingt den Menschen in der Region Perspektiven für eine lebenswerte Zukunft zu schaffen, werden sich derartige Entwicklungen nicht vermeiden lassen. Der Zugang zu Bildung könnte ein Teil des Auswegs sein.

Ein anderes wichtiges Thema in San José del Palmar ist aktuell die Wiederbelebung der veralterten und unrentabel gewordenen Kakao-Plantagen der lokalen Kleinbauern. Das Klimabündnis Vorarlberg hat dazu ein Projekt zur Züchtung neuer Kakao-Bäume mitfinanziert. 2.000 Jungpflanzen werden derzeit auf einem Gemeindegrundstück in Mischkultur mit Bananen- und Avocado-Bäumen großgezogen. Die Mitglieder der Kakaobauern-Genossenschaft ASOPALMAR hoffen nun darauf, dass es ihnen durch entsprechende weitere Investitionen gelingt, ihr wichtigstes Produkt wieder gewinnbringend auf dem nationalen Markt verkaufen zu können. Und wäre es eigentlich nicht schön, wenn künftig Schokolade aus dem Chocó auch einen Weg in Vorarlberger Klimabündnisgemeinden finden könnte?

Simple, aber effektive Biogasanlage vor einer Mischkultur von Kaffee, Bananen und anderer Nutzbäume am Hof der Familie Muñoz (Foto: KBV)

Nächster Stopp der Reise ist El Carmen de Atrato. Hier wird von der Familie Muñoz seit einigen Jahren ein nach ökologischen Prinzipien gestalteter Modellbauernhof betrieben. Viele der praktizierten Methoden kennt man in unseren Breitengraden aus der Permakultur oder der bio-dynamischen Landwirtschaft. Die beiden Brüder Egidio und Bertulfo Muñoz haben sich diese aber nicht aus Lehrbüchern, sondern aus ihrem intuitiven Verständnis für natürliche, gesunde Kreisläufe angeeignet. Nun wird versucht mittels Schulungskursen und Hofbesichtigungen das wertvolle Wissen über eine alternative, ökologische Landbewirtschaftung auch anderen Interessenten aus dem Chocó weiterzugeben. Im Zuge diverser Klimabündnis-Programme wird diese Möglichkeit fortlaufend von Vertretern umliegender, indigener Ansiedlungen und vor allem auch von vielen Schülergruppen aus der Region genutzt.

Direkt neben dem Wohnhaus der Familie Muñoz steht auch eine Biogasanlage, mit Hilfe derer aus den Exkrementen ihrer Nutztiere das Brenngas für den Küchenherd erzeugt wird. Insgesamt 10 solcher Anlagen wurden vor etwa 5 Jahren vom Klimabündnis Vorarlberg unter Finanzierung der Stadt Feldkirch in der Gemeinde El Carmen de Atrato errichtet. Die nach wie vor positiven Erfahrungen der Biogasanlagen-Nutzer haben dazu geführt, dass inzwischen viele weitere Kleinbauern-Familien Interesse an dieser nutzbringenden Technologie bekundet haben. Für kommendes Jahr wird zu prüfen sein, ob das Klimabündnis Vorarlberg dafür neuerlich eine finanzielle Unterstützung aufbringen kann.

Auf der Weiterfahrt von El Carmen de Atrato über die Strasse "Carretera" von Quibdó nach Medellín bleibt unserer kleinen Klimabündnis-Delegation nur wenig Zeit für einen Zwischenstopp in El Dieciocho. Aber immerhin kann dort eines der sechs vom Klimabündnis Vorarlberg mitfinanzierten Kleinstwasserkraftwerken besichtigt werden, welche in der Gegend entlang der Carretera für verschiedene indigene Gemeinschaften errichtet wurden. Die Bewohner hier sind sehr froh über diese komplett neue Form einer dezentralen Stromerzeugung. Da bis vor wenigen Jahren die Wohnungen noch mit Kerosinlampen beleuchtet werden mussten, arrangiert man sich auch damit, wenn das Kraftwerk so wie derzeit auf Grund des niedrigen Wasserstands im Bachzulauf keine 100%-ig stabile Energieversorgung gewährleistet. Da für eine Visite der restlichen 5 Anlagen auf dieser Reise keine Zeit mehr bleibt, wird eine genauere Analyse des Kleinstwasserkraftwerk-Projektes im Zuge des nächsten Projektbesuchs erfolgen müssen.

Guillermo Pino beim Treffen mit Schwestern der Laurita-Mission und ProfessorInnen der Institución Educativa Emberá Atrato Medio (Foto: KBV)

Von der Departementshauptstadt Quibdó aus geht es binnen 4 Stunden mit einem Schnellboot über den Río Atrato nach Vigía del Fuerte. Dort besteht seit einigen Jahren eine vielversprechende Kooperation mit der Institución Educativa Emberá Atrato Medio (IEEAM). Das IEEAM ist eine Oberstufen-Schule für indigene Jugendliche und hat sich unter der gewissenhafte Führung der Laurita-Missionsschwestern als eine der angesehensten, indigenen Bildungs-einrichtungen der gesamten Region einen Namen gemacht. Die SchülerInnen müssen für die Unterrichtsblocks teils bis zu 2 Tage lang aus ihren Dörfern anreisen. Nichts desto trotz wird dieser enorme Aufwand von unzähligen Jugendlichen in Kauf genommen. Derzeit besuchen 187 SchülerInnen das IEEAM. Sie alle sehen im Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung den Schlüssel für eine bessere Zukunft und kommen in die Schule mit der Vision, die erworbenen Kenntnisse für ihre eigene Gemeinschaft sinnstiftend einzusetzen.

Auch Klimabündnis Vorarlberg hat seinen Teil zur positiven Entwicklung des IEEAM beigetragen. Sei es durch die Anschaffung von Unterrichtsmaterialien und technischem Equipment, durch die Finanzierung von einschlägigen Fortbildungen für das Lehrpersonal, oder auch durch die Unterstützung beim Aufbau einer schuleigenen Tischlerei, welche durch entsprechende Praxiskurse in die Ausbildung integriert wird. Derzeit wird außerdem am Konzept für ein Förderungsprogramm gearbeitet, durch das qualifizierten Oberstufen-AbgängerInnen der Zugang zu universitärer Bildung ermöglicht werden soll. Denn gerade auch im Prozess der Behauptung territorialer Ansprüche gegenüber den kurzsichtigen Interessen internationaler Bergbauunternehmen und profitorientierter Holzhandels-Konzerne braucht es Menschen, die durch entsprechendes Fachwissen den lokalen Widerstand organisieren und gangbare Alternativen aufzeigen können.

Derartige Bildungs-Initiativen sind eines von vielen Beispielen, wie das Klimabündnis Vorarlberg durch die Unterstützung seiner Bündnispartner im Chocó einen relevanten Beitrag zur Sicherung tropischer Regenwaldbestände und damit zum Schutz des globalen Klimas leisten kann.

Seit Ende März ist Daniel Sperl wieder zurück in Österreich und wird im Laufe des Jahres an der Weiterentwicklung unserer Kooperationen im Chocó arbeiten. Durch seine intensive, erste Projektreise konnte er wichtige Einblicke in die komplexe und oft sehr harte Realität des Chocó gewinnen. An seiner Überzeugung bezüglich der Sinnhaftigkeit unserer langjährigen Partnerschaft im Kontext gemeinsamer Klimaschutzbestrebungen hat sich dadurch erfreulicherweise nichts geändert.

Bericht vom 19.04.2015

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