Die Verkehrswende mittels Coronakrise vorantreiben

Kurt Fallast im nachgefragt-Interview zum Thema "Verkehrswende und Coronakrise".

Kurt Fallast. Foto: planum.eu

Steigender Verkehr, Zersiedelung und konsumorientierte Lebensstile verursachen immer mehr klimarelevante Emissionen. Im Großraum Graz, insbesondere in Feldkirchen bei Graz, werden im Rahmen des Projekts ULTIMOB Mobilitätslösungen für den PendlerInnenverkehr entwickelt. DI Dr. Kurt Fallast, erfahrener Verkehrsexperte und Universitätsprofessor i.R. skizziert uns das Projekt und zeigt die Chance auf, wie wir aus der Coronakrise die Verkehrswende schaffen können.

Die suburbanen Räume rund um die Ballungszentren ersticken im täglichen PendlerInnenverkehr. Wie sieht das in Graz und im speziellen in Feldkirchen aus?

Kurt Fallast: Die Stadt Graz verzeichnete vor der Coronakrise täglich 85.000 EinpendlerInnen. Vier von zehn kommen dabei aus Graz-Umgebung. Der Zuwachs seit dem Jahr 1991 beträgt 30 Prozent. Man darf aber auch nicht auf die zahlreichen AuspendlerInnen vergessen, schließlich sind in den letzten Jahren sehr viele Arbeitsplätze in Gemeinden rund um Graz dazugekommen. Erfreulich ist, dass die Kapazität der S-Bahn im ähnlichen Ausmaß gestiegen ist wie der Anteil der PendlerInnen. In Feldkirchen stehen wir gerade vor einem einzigartigen Feldversuch. Im Zuge des Koralmtunnelbaus wird die neue B67 für eine Dauer von 2 Jahren gesperrt. Die ÖBB hat bereits im Vorfeld die Kapazitäten ausgeweitet - es gibt in den Spitzenzeiten einen 15-Minuten-Takt auf der S-Bahn und auch die Regionalbusse wurden aufgestockt. Wir analysieren in einer Vorher-Nachher-Untersuchung, wie die PendlerInnen reagieren. Nehmen sie großräumige Umfahrungen in Kauf, fahren sie weniger oft oder - und das ist unser erklärtes Ziel - schaffen wir es, dass sie auf den Öffentlichen Verkehr umsteigen.  

Welche Chancen sehen Sie, eine breite Verhaltensveränderung herbei zu führen?

Kurt Fallast: Wir wollen mit einem Mix aus Push- & Pull-Maßnahmen zeigen, wie eine Verhaltensänderung möglich ist. Neben attraktiveren Öffis setzen wir stark auf Bewusstseinsbildung. Neben einer Stauzone werden wir eine riesige Infotafel positionieren. Auf dieser bewerben wir die S-Bahn. Im gleichen Moment, in dem Pendler das sehen, werden sie natürlich nicht auf die Öffis wechseln. Aber wenn sie zum dritten Mal hintereinander dort stauend und langsam vorbeifahren und lesen, dass die S-Bahn im 15-Minuten-Takt daneben vorbeifährt, werden sie es sich überlegen. 

Corona hat viele Auswirkungen. Im Mobilitätsbereich sind die Verhaltensänderungen enorm. Das Radfahren wird deutlich attraktiver, Work@Home reduziert die Belastungsspitzen in den Stoßzeiten. Was hat sich kurzfristig verändert und was können wir langfristig mitnehmen?

Kurt Fallast: Der gestiegene Radverkehrsanteil wird bleiben. Wer einmal diese Hürde genommen hat und das in seinen Alltag einbaut, ändert sein Verhalten nicht nochmals. Hinzu kommt noch, dass mit dem E-Bike-Boom die Zielgruppe ausgeweitet wurde. Jedes dritte verkaufte Rad ist heute bereits ein E-Bike. Mit einem normalen Rad legt man durchschnittlich 4 Kilometer zurück, beim Elektrorad sind das 6 bis 7. Außerdem sind hügelige Gegenden, wie bei uns rund um Graz, auch wesentlich leichter zu bewältigen. Das Trend zum Homeoffice wird ebenso längerfristig wirken. Zumindest 1 Tag pro Woche - das nehmen die Leute an. Was sicherlich stark abnehmen wird sind die Dienstfahrten zu Arbeitssitzungen oder Kongressbesuchen. Hier gibt es mittlerweile bereits so hochwertige Alternativen virtueller Art, dass man hier keinen Qualitätsverlust merken kann.   

Was kann das Leitprojekt des BMK in der Verkehrsforschung ULTIMOB mittelfristig in Österreich bewirken?

Kurt Fallast: Es passiert nicht allzu oft, dass Restriktionen wie die Sperre einer Bundesstraße mit einer Attraktivierung des Öffentlichen Verkehrs zusammenfällt und man das auch noch mit einem Forschungsprojekt begleiten kann. Wir erwarten und erhoffen uns daraus interessante Ergebnisse, die im Zuge der notwendigen Verkehrswende sehr nützlich sein werden. 

Herzlichen Dank für das Interview.

Das Interview führte Hannes Höller.

Weiterführende Informationen:

zur Person

Kurt Fallast lehrt seit 1980 an der TU Graz am Institut für Straßen- und Verkehrswesen. Er gründete 1994 ein Ingenieurbüro für Verkehrswesen mit Büros in Graz und Klagenfurt und ist seit 1985 Mitglied der Forschungsgesellschaft Straße-Schiene-Verkehr. Von 2004 bis 2007 war er zudem Mitglied des Aufsichtsrats der ASFINAG. Seit 2002 ist er Geschäftsführer Steiermark der Österreichischen Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft, seit 2015 Zertifizierter Straßenverkehrssicherheitsgutachter beim BMVIT und seit ebenfalls 205 Geschäftsführender Gesellschafter des Verkehrsplanungsbüros PLANUM Fallast Tischler & Partner.

X

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen