Internationaler Tag Indigener Völker

09.August.2026

Vom Regenwald nach Österreich: 33 Jahre Partnerschaft für indigene Rechte und Gesundheitsversorgung

In Oberösterreich setzen sich bereits 317 Gemeinden gemeinsam mit dem Klimabündnis für den Schutz des Amazonas-Regenwaldes ein. Rund um den Internationalen Tag der Indigenen Völker am 9. August rückt eine besondere Verbindung in den Mittelpunkt: Seit 33 Jahren zeigt die Partnerschaft mit indigenen Gemeinschaften, dass lokales Engagement viel bewegen und globale Wirkung entfalten kann.

Eine Hommage an die indigenen Hebammen: Schutz des Lebens und des Wohlbefindens

Anlässlich des Internationalen Tags der indigenen Bevölkerung, der heuer unter dem Motto „Eine Hommage an die indigenen Hebammen: Schutz des Lebens und des Wohlbefindens“ steht, rückt das Klimabündnis die Bedeutung der Gesundheitsversorgung in einer der abgelegensten Regionen der Welt in den Fokus: dem Rio Negro im brasilianischen Amazonasgebiet. Hier, auf einer Fläche von 135.000 km² – das entspricht der 1,6-fachen Größe Österreichs – leben 23 indigene Völker in über 750 Dorfgemeinschaften, die oft nur per Boot erreichbar sind. Die Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung sind hier ungleich größer als in Österreich – doch dank traditionellem Wissen und der Unterstützung durch die Klimabündnis Gemeinden entstehen praktische Lösungen.

 

Gesundheitsversorgung im Regenwald: Traditionelles Wissen als Lebensader

Die UNO betont 2026, dass indigene Hebammen nicht nur Leben retten, sondern auch kulturelles Erbe bewahren (UN IDWIP 2026). Am Rio Negro wird dies zum Beispiel durch die Nutzung von Heilpflanzen deutlich. Doch die Klimakrise verschärft die Herausforderungen: Dürren und Überschwemmungen zerstören Heilpflanzenbestände und die Zunahme von Umweltgiften und Krankheiten durch den illegalen Goldabbau belastet die Gemeinschaften. Trotzdem gelingt es den Dörfern durch kulturell angepasste Lösungen – wie mobile Gesundheitsstationen und die Einbindung traditioneller Praktiken in moderne Versorgungskonzepte – die Mütter- und Kindergesundheit zu sichern. Entscheidend ist der Dialog zwischen den Gesundheitssystemen, damit traditionelles Wissen mit den staatlichen Gesundheitsdiensten kombiniert eine kulturell angemessene und respektvolle Betreuung bietet.

Dulce Morais (Sozio-Umwelt-Institut, São Gabriel da Cachoeira) und Natalia Farias (Universität São Paulo) geben uns Einblicke in die Rolle indigener Hebammen am Rio Negro:

“Im Laufe der Jahre haben wir bei unserer Arbeit mit den Frauen am Rio Negro und im Austausch mit Fachkräften für Frauengesundheit aus der Region beobachtet, dass die Kategorie „Hebamme“ nicht immer einer klar definierten sozialen Rolle in den indigenen Gemeinschaften am Rio Negro entspricht. In vielen Gemeinschaften sind das Wissen und die Praktiken rund um die Geburt auf verschiedene Frauen verteilt, die oft aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit Schwangerschaft und Geburt in der Lage sind, anderen Frauen in bestimmten Situationen zu helfen.

Das Wissen über den weiblichen Körper, die Schwangerschaft, die Geburt und das Wochenbett umfasst Pflegepraktiken wie den Umgang mit Heilpflanzen, Massagen, das „Glattstreichen des Bauches“, Bäder, Ernährung, Schutzmaßnahmen und Ratschläge für die Schwangere und ihre Familie. Indigene Frauen wissen, welche Pflanze man nutzen muss, um die Wehen zu verstärken, welches Kraut man verwenden muss, um eine Blutung zu stoppen, welche Art von Nahrung man der Frau nach der Geburt anbieten sollte, damit sie Milch produziert, und welche Lebensmittel und Praktiken man vermeiden sollte, damit das Baby keine Koliken bekommt. Frauen, die über dieses Wissen verfügen, spielen eine wesentliche Rolle dabei, die über Generationen weitergegebenen Praktiken lebendig zu halten. Zugleich entwickeln sie dieses Wissen durch ihre alltäglichen Erfahrungen fortlaufend weiter.

Heute sind es die Hebammen und all jene Frauen, die zur Geburtsbegleitung beitragen, die einen großen Teil der Betreuung während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett übernehmen. Sie entwickeln ganz eigene Formen der Fürsorge, die von den Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft, von Erfahrung und von dem über Generationen hinweg gesammelten Wissen geprägt sind. In diesem Zusammenhang ist es entscheidend, die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsdiensten und den indigenen Hebammen zu stärken, sie als Hauptakteure der Gesundheitsversorgung anzuerkennen und ihr Wissen und ihre Praktiken wertzuschätzen.

Im Juni 2026 veranstaltete das Sekretariat für indigene Gesundheit das erste landesweite Treffen indigener Hebammen und Geburtshelferinnen. Das Treffen schuf mehr Raum für Austausch und zeigte eine Annäherung, die der Gesundheitsversorgung zugutekommen kann: Sie könnte künftig besser auf die soziokulturellen Besonderheiten indigener Völker eingehen, den Dialog zwischen verschiedenen Gesundheitssystemen fördern und Frauen einen besseren Zugang zu respektvoller, kulturell angemessener Betreuung ermöglichen. Allerdings muss diese Initiative aktiv und regelmäßig fortgesetzt werden, damit die Anerkennung und die Berücksichtigung der Bedürfnisse auch in den indigenen Territorien ankommen.“

„Unser Einfluss auf andere Weltregionen wird im Klimabündnis-Netzwerk bewusst thematisiert. Wir alle haben nur einen Planeten als Lebensgrundlage – und die Partnerschaft mit den indigenen Völkern am Rio Negro zeigt, wie lokaler Einsatz globale Wirkung entfalten kann. Ob durch die Anerkennung indigener Gebiete, die Förderung landwirtschaftlicher Produkte oder die Unterstützung von Gesundheitsinitiativen, betont Elke Kastner, Geschäftsführerin von Klimabündnis Österreich.“

Das erste landesweite Treffen indigener Hebammen und Geburtshelferinnen

Im Juni 2026 veranstaltete das Sekretariat für indigene Gesundheit das erste landesweite Treffen indigener Hebammen und Geburtshelferinnen. Das Treffen schuf mehr Raum für Austausch und zeigte eine Annäherung, die der Gesundheitsversorgung zugutekommen kann: Sie könnte künftig besser auf die soziokulturellen Besonderheiten indigener Völker eingehen, den Dialog zwischen verschiedenen Gesundheitssystemen fördern und Frauen einen besseren Zugang zu respektvoller, kulturell angemessener Betreuung ermöglichen. Allerdings muss diese Initiative aktiv und regelmäßig fortgesetzt werden, damit die Anerkennung und die Berücksichtigung der Bedürfnisse auch in den indigenen Territorien ankommen.

Von Österreich nach Brasilien  

Seit 1993 unterstützen über 1.000 österreichische Gemeinden, Städte und Betriebe als Mitglieder des Klimabündnis die indigene Bevölkerung am Rio Negro – ideell und finanziell. Die Partnerschaft mit der FOIRN (Dachverband der indigenen Organisationen am Rio Negro) hat nicht nur zum Schutz von 135.000 km² Regenwald beigetragen, sondern auch zur Stärkung der Gesundheits-, Bildungs- und Landrechte der indigenen Völker.

  • Landrechte: Anerkennung von 135.000 km² als indigene Territorien – ein Meilenstein für den Regenwaldschutz als Lebensraum
  • Bildung: Einführung indigener Lehrpläne mit Alphabetisierung in eigenen Sprachen und Verbindung von traditionellem und westlichem Wissen.
  • Wirtschaft: Förderung von Kunsthandwerk, Fischzucht und nachhaltigem Tourismus – etwa der frauengeführte Kunsthandwerksladen „Wariró“
  • Infrastruktur: Solarbetriebener Internetzugang in über 50 Dörfern und ein Kommunikationsnetz mit 200 Funkgeräten für Notfälle.

Für Interviews mit Rio Negro-Koordinator Adriano Abila vom Klimabündnis bitte um Kontaktaufnahme unter adriano.abila@klimabuendnis.at 

Kontakt

Rocinela Ortiz-Castillo
0732/77 26 52-28
0660/14 55 709